Wir sind Kämpfer

Warum trainieren so viele Menschen Kampfsport oder lernen Kampfkünste? Warum veranstalten Hooligans Massenschlägereien? Warum kommt es immer wieder zu Angriffen auf wildfremde Menschen? Warum schauen wir uns Actionfilme an oder spielen Gewaltspiele und verabscheuen gleichzeitig Gewalt? Und warum sind wir so restlos überfordert, wenn uns Gewalt im Alltag begegnet?

 

Für unsere Vorfahren war Kampf alltäglich. Um ihr Überleben zu sichern und ihre Bedürfnisse nach Rang, Nahrung oder Unterkunft abzudecken, wendeten sie selbstverständlich körperliche Gewalt an. Das Kämpfen ist ein evolutionäres Erfolgsrezept und einer unserer zentralsten Wesenszüge: Es gibt keine andere Spezies, die derart planvoll und in solchem Ausmaß selbst gegen die eigenen Artgenossen Gewalt anwendet. Auf dem Weg unserer Kultivierung hat sich unser Verhältnis zum Kampf aber verändert: Wir haben das Monopol auf Gewalt erst an Herrscher und später auf den Staat und dessen Vertreter, die Polizei und das Militär, übertragen. Wir haben gelernt, unsere Kämpfe mit Worten auszutragen, und die Anwendung von Gewalt ist bis auf wenige Ausnahmen verboten worden. Wir sind nicht mehr gezwungen, uns jederzeit für Flucht, Angriff oder Verteidigung bereit zu halten, die Natürlichkeit und Alltäglichkeit des körperlichen Kampfes ist uns abhandengekommen. Wir leben in einer relativ friedlichen Welt.

 

Ist der körperliche Kampf damit aus unserem Leben verschwunden? Überraschenderweise nicht. Wir verabscheuen Gewalt – und sind trotzdem von ihr fasziniert. Wir konsumieren den Kampf in Filmen und in Übertragungen von (Wett-)Kämpfen. Wir kämpfen virtuell in Computerspielen. Wir kämpfen im Ring und auf den Matten. Und einige von uns bringen den Kampf trotz Verbot immer noch in den befriedeten Alltag, als Hooligan, als Schläger, als pöbelnde junge Männer, als Terroristen – und stoßen dort auf die breite Masse derer, die sich durch diese überraschende, unkontrollierte Gewalt völlig überfordert fühlen. Wir haben verlernt, sinnvoll mit rohem Kampf umzugehen.

 

Mir geht es genauso. Seit meiner Kindheit lerne ich Kämpfen und bin gleichzeitig völlig überfordert mit Gewalt in Alltagssituationen. Mit 13 Jahren habe ich mit Karate angefangen und später weitere Kampfkünste kennengelernt und trainiert: Aikido, Iaido, I-Chuan, Krav Maga, Mixed Martial Arts und Muay Thai. Und irgendwann habe ich mich gefragt: Warum mache ich das eigentlich immer wieder, warum lässt mich das Kämpfen nicht los? Warum macht es Spaß, etwas zu lernen, was letztlich dazu da ist, anderen Menschen Schmerzen zu bereiten? Und könnte ich mich bei einem Angriff auf der Straße verteidigen? Könnte ich jemandem zu Hilfe kommen, der angegriffen wird? Wie haben wir uns von einer Gesellschaft des Kämpfens entwickelt zu einer Gesellschaft, die sich nicht verteidigen kann? Wann haben die Kampfkünste den Weg aus Alltag und Krieg angetreten hin in den Ring und auf die Matten? Woher kommt die Faszination für Gewalt? Was ist ein sinnvoller Umgang mit Gewalt im Alltag? Wie erreichen wir Gewaltfreiheit? Hilft das ritualisierte Kämpfen auf den Matten und im Ring dabei sogar? Wie lernt man Siegen? Und wie Verlieren? Sollten alle Menschen wieder aktive Kämpfer werden? Oder sollten wir lieber alle meditieren und dem Kampf völlig abschwören?

 

Um meine Fragen zu beantworten, recherchiere ich, was Wissenschaft und Forschung dazu publiziert haben. Ich quetsche Menschen aus, die Experten fürs Kämpfen und Nicht-Kämpfen sind: Gewaltforscher, Trainer, Kämpfer, Gewalttäter, Opfer, Polizisten, Antigewalttrainer, Selbstverteidigungsspezialisten, Türsteher. Und ich versuche im Training der beste Kämpfer zu werden, der ich sein kann - und herauszufinden, was das überhaupt bedeutet. Auf diesem Weg entsteht das Buch: „Wir sind Kämpfer“.

 

Wenn Du Menschen kennst, die ich unbedingt interviewen muss, wenn du Quellen kennst, die ich lesen muss oder wenn Du andere Ideen zum Thema hast: Melde Dich bei mir! Schließlich will ich das spannendste und umfassendste Buch über das Kämpfen schreiben!